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Ist Hum wirklich die kleinste Stadt der Welt?

Wenn Sie einen Tagesausflug nach Hum planen, werden Sie unweigerlich über ein besonderes Etikett stolpern: die "kleinste Stadt der Welt". Das klingt beeindruckend, wirkt jedoch oft wie eine clevere Marketing-Falle für Touristen. Dieses Misstrauen ist durchaus berechtigt. Wer im Netz recherchiert, merkt schnell, dass unzählige Reiseseiten einen angeblichen Rekordeintrag schlicht voneinander abschreiben, ohne je genauer hingesehen zu haben.

Hum gilt mit 30 Einwohnern (Stand der Volkszählung 2011) als kleinste Stadt der Welt, auch wenn ein offizieller Stempel vom Guinness-Buch der Rekorde in Wahrheit fehlt. Der Titel stützt sich vielmehr auf das Mittelalter: Wer eine Stadtmauer, ein Tor, zwei Kirchen und eine Loggia vorweisen konnte, besaß formale Stadtrechte – völlig unabhängig davon, wie viele Betten nachts belegt waren.

Warum die Kroaten diesen Titel dennoch völlig zu Recht voller Stolz vor sich hertragen und welch kurioser Brauch bis heute im alten Rathaus zelebriert wird, offenbart sich erst, wenn man hinter die dicken Steinmauern blickt.

Hum Istrien: Steinbauten und Kirchturm

Die Zahlen hinter dem Titel: Wie viele Menschen leben tatsächlich in Hum?

Wer nach der exakten Einwohnerzahl sucht, findet Angaben, die munter zwischen 17 und 52 Personen pendeln. Der Grund für diese Verwirrung ist simpel: Manche Statistiken erfassen lediglich den ummauerten Ortskern, während andere das großzügigere Verwaltungsgebiet samt der umliegenden Weiler dazuzählen. Ausschlaggebend ist jedoch die kroatische Volkszählung aus dem Jahr 2011. Sie dokumentiert genau 30 Bewohner für die eigentliche Siedlung – eine Zahl, auf die sich auch das offizielle Wikipedia-Verzeichnis stützt.

Viel Platz für Wachstum gibt es ohnehin nicht. Der Ort misst exakt 100 Meter Länge und 35 Meter Breite. Wenn Sie an ein halbes Fußballfeld denken, haben Sie die Dimensionen bereits vor Augen. Eng aneinander geschmiegt drängen sich innerhalb der Mauern rund 20 Steinhäuser, zwei Kirchen und eine Loggia – das alte Rathaus mit seiner charakteristischen, offenen Säulenhalle. Dazu gesellen sich die Humska Konoba als einziges Restaurant und ein kleiner Souvenirladen. Jeder weitere Neubau wäre eine architektonische Unmöglichkeit.

Kennzahl Wert
Einwohner Kernort (Zensus 2011) 30
Länge x Breite 100 m x 35 m
Höhe über dem Meer 349 m
Erste urkundliche Erwähnung 1102 als "Castrum Cholm"
Entfernung zu Buzet 14 km
Entfernung zu Roč 7 km (über die Glagolitische Allee)

Guinness-Buch oder Marketing-Mythos?

Blättert man durch deutschsprachige Reiseblogs, taucht verlässlich ein bestimmter Satz auf: Hum stehe "im Guinness-Buch der Rekorde". Sucht man jedoch nach dem echten Beleg, verläuft die Spur im Sand. Weder in der Online-Datenbank noch in den gedruckten Jahresausgaben von Guinness World Records lässt sich eine offizielle Bestätigung finden. Selbst der kroatische Verband eurotours-villas geht bemerkenswert offen damit um und stellt in einem eigenen Beitrag klar, dass man keine Urkunde des Rekordbuchs auftreiben könne.

Es handelt sich also um einen brillanten Marketing-Mythos. Die Kroaten haben den Rekordtitel schlicht durch hartnäckige touristische Vermarktung zur weltweiten Wahrheit gemacht. Dass niemand Einspruch erhebt, liegt an der fehlenden Konkurrenz. Zwar gibt es in den USA winzige Siedlungen wie Monowi in Nebraska mit einer einzigen Einwohnerin, die sich selbst "town" nennen. Sie erfüllen jedoch schlicht nicht die strengen europäischen Maßstäbe des Mittelalters – ihnen fehlen die Stadtmauer und die historischen Stadtrechte.

Warum Hum trotzdem zu Recht "Stadt" heißt

Wer Hum seinen städtischen Charakter absprechen will, denkt zu modern. Im Mittelalter hatte der Begriff "Stadt" kaum etwas mit der bloßen Anzahl an Menschen zu tun. Wer von schützenden Mauern umgeben war, eine eigene Verwaltung besaß und Marktrechte genoss, galt als Stadt. Hum erfüllt diese Kriterien mühelos:

  • Stadttor und Stadtmauer stammen ursprünglich aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Seine heutige Form bekam das Tor im Jahr 1562 während der venezianischen Herrschaft; die massiven Kupfertüren wurden 1981 eingesetzt.
  • Die Loggia diente als offene Säulenhalle für Ratsversammlungen. In ganz Istrien ist dies das klassische architektonische Symbol einer echten Selbstverwaltung.
  • Gleich Zwei Kirchen stehen auf engstem Raum: Die barocke Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt wurde 1802 erbaut, integriert einen Glockenturm aus dem Jahr 1552 und beherbergt fünf Marmoraltäre. Vor den Toren wacht zudem die romanische Friedhofskirche St. Hieronymus aus dem 12. Jahrhundert, die 1904 renoviert wurde.
  • Ein eigenes Bürgermeisteramt samt hochoffiziellem Wahlverfahren existiert ebenfalls – dazu gleich mehr.

Diese tiefe Verankerung in der Geschichte dokumentiert auch die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1102. Damals überschrieb Ulrich II. das kleine Hum dem Patriarchen von Aquileia. Über 500 Jahre lang wurde der Ort patriarchalisch geführt, bevor die Venezianer das Kommando übernahmen. Genau diese lückenlose, jahrhundertelange Verwaltungsgeschichte ist es, die Hum von einem x-beliebigen Bauernweiler unterscheidet.

Die Bürgermeisterwahl mit Kerbholz: Hums kuriosester Brauch

Wenn Sie an einem zweiten Samstag im Juni anreisen, werden Sie Zeuge eines echten Spektakels. Dann versammeln sich die Männer Hums in der Loggia, um ihren Župan, den Bürgermeister, zu wählen. Der Prozess ist ein traditionelles Relikt aus dem 16. Jahrhundert, das ganz ohne Papierschnipsel und Wahlurnen auskommt: Jeder Wähler bekommt einen Holzstab und schnitzt kurzerhand eine Kerbe neben den Namen seines Favoriten. Wer am Ende des Tages buchstäblich die meisten Kerben auf seinem Holz vorweist, regiert die Mikro-Metropole für das nächste Jahr.

Zwischenzeitlich war dieser Brauch eingeschlafen, bevor er 1977 glücklicherweise wiederbelebt wurde. Heute ist die rustikale Abstimmung ein absoluter Publikumsmagnet. Dass der frisch gebackene Bürgermeister für sein Amt keinen Cent Bezahlung erhält, stört dabei niemanden – es ist ein reiner Ehrenposten. Falls Sie sich dieses Spektakel ansehen möchten, gilt nur eine Regel: Seien Sie früh da. Der Platz vor der historischen Loggia ist winzig und fasst nur eine sehr überschaubare Menge an Zuschauern.

Glagoliza: Hums eigentliches Welterbe

Sich nur von der Rekord-Geschichte blenden zu lassen, wäre schade, denn dabei entgeht Ihnen das wahre kulturelle Gewicht der Region. Gemeinsam mit dem Nachbarort Roč gilt Hum seit dem 9. Jahrhundert als Epizentrum der glagolitischen Schrift – des ältesten slawischen Alphabets. Wenn Sie die St.-Hieronymus-Kirche betreten, stehen Sie vor den "Humer Glagoliza-Wandinschriften". Sie wurden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in den Stein geritzt und zählen zu den ältesten und wertvollsten erhaltenen Zeugnissen dieser Schrift überhaupt.

Wer tief in diese Geschichte eintauchen möchte, folgt am besten der Aleja glagoljaša, der Glagolitischen Allee, die Roč und Hum verbindet. Auf sieben Kilometern säumen elf gewaltige Steinmonumente den Weg. Sie wurden zwischen 1977 und 1985 errichtet und ehren die wichtigsten Meilensteine der slawischen Schriftkultur. Die Strecke lässt sich in entspannten zwei bis drei Stunden erwandern. Die Landschaft ist herrlich, aber seien Sie gewarnt: Es gibt so gut wie keinen Schatten. Wer die Allee im istrischen Hochsommer bewältigen will, sollte die Wanderstiefel unbedingt vor 9 Uhr morgens schnüren.

Anfahrt, Parken, Eintritt: Was Sie vor Ort erwartet

Hum liegt gut versteckt im Norden Istriens. Starten Sie in Poreč oder Rovinj, müssen Sie für die Anfahrt mit dem Auto gut eine Stunde einkalkulieren; von Opatija aus dauert es einen Moment länger. Die beste Route führt über die Autobahn A8/E751 bis zur Ausfahrt Lupoglav. Auf Höhe von Ročko Polje weist Ihnen ein Schild den Weg nach links in Richtung Hum. Ab hier fordert die Straße Ihre Aufmerksamkeit, denn sie wird schmal und zwingt an Engstellen oft zum Warten. Sind Sie mit einem Wohnmobil oder Wohnwagen unterwegs, ersparen Sie sich viel Stress, wenn Sie die breitere Ausweichroute über Roč wählen.

Ihr Auto können Sie bequem auf dem bewirtschafteten Parkplatz direkt vor dem alten Stadttor abstellen. Die Gebühr liegt aktuell bei rund 3 Euro, die Sie unkompliziert am kleinen Kassenhäuschen am Eingang entrichten. Ein Eintrittsticket für Hum selbst gibt es nicht, Sie können die Gassen völlig frei erkunden. Die Kirchen sind außerhalb der Gottesdienste in der Regel verschlossen. Mit etwas Glück und einem freundlichen Lächeln findet sich in der Konoba jedoch jemand, der Ihnen gegen ein kleines Trinkgeld die schweren Türen aufsperrt.

Für das leibliche Wohl sorgt die Humska Konoba, die einzige echte Einkehr im Ort. Hier stehen authentische istrische Klassiker auf den Holztischen: Fuži-Nudeln mit Trüffeln, hausgemachter Pršut, kräftiger Schafskäse und natürlich ein Gläschen Biska. Die Terrasse bietet einen fantastischen Blick weit hinein ins bewaldete Tal. Wenn Sie im Sommer anreisen und zur Mittagszeit ab 12:30 Uhr hungrig sind, sollten Sie den Tisch unbedingt im Vorfeld reservieren.

Biska: Der Mistelbrand aus dem 2.000-Jahre-Rezept

Zu einem Besuch in Hum gehört zwingend ein Schluck Biska. Dabei handelt es sich um einen kräftigen Kräuter-Rakija auf Basis von Traubentrester, der mit Mistel und vier weiteren Kräutern mazeriert wird. Welche genauen Kräuter im Fass landen, hüten die Wirte der Humska Konoba wie einen Staatsschatz. Das Rezept soll auf eine keltische Tradition zurückgehen und einst über den Humer Pfarrer Josip Vidal den Weg in die Neuzeit gefunden haben. Darauf ist man vor Ort so stolz, dass die kroatische Tourismusbehörde ganz offiziell mit dem Slogan "Hum, Stadt der Biska" wirbt. Seit 2001 feiert der Ort im Oktober das Festival der istrischen Rakija, im August lockt das lokale Hanffest.

Man muss allerdings ehrlich sein: Der Biska ist eine geschmackliche Herausforderung. Die Mistelnote sticht markant hervor, der Abgang ist herb-bitter. Wenn Sie schwere Kräuterschnäpse im Stil von Jägermeister schätzen, werden Sie diesen Brand lieben. Gehören Sie eher zur Fraktion der süßen Liköre, tun Sie gut daran, erst ein kleines Glas zur Probe zu bestellen, bevor Sie eine Flasche als Souvenir kaufen. Je nach Abfüllmenge wechseln diese für 8 bis 20 Euro den Besitzer.

Wann sich der Besuch lohnt und wann nicht

Hum als einsamen Geheimtipp zu bezeichnen, wäre gelogen. Spätestens der gut gefüllte Parkplatz spricht Bände. Wenn im Juli und August Wochenende ist, fädeln sich die Reisebusse durchs Tal, und ab 11 Uhr stauen sich die Menschenmassen in den zwei beschaulichen Gassen. Wollen Sie die Magie des Ortes spüren, kommen Sie morgens vor 10 Uhr oder nach 17 Uhr. Dann taucht die tief stehende Sonne die alten Steine in ein wunderbar warmes Licht, und die lauten Tagesausflügler sind längst weiter in Richtung Motovun oder Grožnjan gefahren.

Reisen Sie in der ruhigen Nebensaison zwischen Oktober und April, sollten Sie bei der Konoba kurz durchklingeln – die Öffnungszeiten werden dann flexibel gehandhabt. Im tiefen Winter wirkt Hum beinahe wie ausgestorben. Was für passionierte Fotografen ein Segen ist, kann für Reisende mit knurrendem Magen schnell zum logistischen Problem werden.

Um eine ehrliche Einschätzung kommen wir nicht herum: Wer aus dem fernen Küstenurlaub losfährt, um nur Hum anzusteuern, sitzt für einen einstündigen Besuch sehr lange im Auto. Das lohnende Geheimnis liegt in der Kombination. Verknüpfen Sie die Fahrt mit einem Stopp in Buzet (der Trüffelhauptstadt, nur 14 Kilometer entfernt), starten Sie in Roč zu einer Wanderung, oder nehmen Sie Motovun und das herrliche Mirna-Tal mit auf die Route. Als alleiniges Ziel ist Hum den Aufwand kaum wert – als funkelnder Baustein einer Hinterland-Tour ist es hingegen absolute Pflicht. Weitere ruhige Orte im istrischen Inland stellt der Beitrag Die 8 ruhigsten Orte in Istrien vor.

Fragen und Antworten

Steht Hum offiziell im Guinness-Buch der Rekorde?

Ein offizieller und verbriefter Eintrag bei Guinness World Records lässt sich faktisch nicht nachweisen, weder in digitalen Registern noch in den gedruckten Büchern. Das Label "kleinste Stadt der Welt" ist das Meisterstück einer sehr erfolgreichen touristischen Vermarktung. Inhaltlich lässt sich daran aber kaum rütteln: Hum erfüllt als einziger derart winziger Ort Europas sämtliche Kriterien einer mittelalterlichen Stadt (Mauer, Tor, Loggia, Stadtrechte) und wird daher von keinem ernsthaften Konkurrenten vom Thron gestoßen.

Wie viel Zeit sollte ich für Hum einplanen?

Wenn Sie gemütlich durch den ummauerten Ortskern schlendern, ein paar Fotos schießen und einen Blick in die Kirchen werfen, sind Sie in 45 bis 60 Minuten durch. Planen Sie eine ausgiebige Pause in der Humska Konoba ein, wird ein schöner Ausflug von zwei bis drei Stunden daraus. Sportliche Besucher, die Hum mit der Wanderung über die Glagolitische Allee ab Roč verbinden, sollten weitere drei bis vier Stunden auf der Uhr haben und ausreichend Trinkwasser sowie Sonnenschutz im Gepäck tragen.

Kann ich in Hum übernachten?

Wenn abends die Tore schließen, bleiben Sie besser draußen: Innerhalb der historischen Stadtmauern finden Sie weder ein Hotel noch offizielle Ferienwohnungen. Es gibt vereinzelt Privatzimmer, die in der Saison über Portale vermittelt werden, diese sind aber extrem rar und weit im Voraus ausgebucht. Die deutlich realistischere Planung ist ein gemütliches Bett in Buzet, Roč oder auf einem Agroturizam im Mirna-Tal. Von dort aus ist Hum der perfekte Tagesausflug. Wer für den Aufenthalt noch kein Quartier gefunden hat, findet bei der Suche nach einem Ferienhaus in Istrien eine große Auswahl in der ganzen Region.

Lohnt sich Hum mit Kindern?

Für jüngere Kinder bis etwa zehn Jahre hält sich die Faszination meist in Grenzen. Nach 20 Minuten hat man jede Gasse gesehen, Platz zum Rennen und Spielen fehlt schlichtweg. Sie können den Ausflug retten, indem Sie die Glagoliza-Wandinschriften als aufregendes "Geheimschrift-Rätsel" inszenieren oder den Besuch punktgenau auf die Spektakel-Bürgermeisterwahl im Juni legen. Für Jugendliche reicht meist ein kurzer Foto-Stopp fürs Smartphone – die eigentliche Attraktion für Familien bleibt die weite, grüne Natur rund um den Ort.